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Poesie => Liebe


Texassommer - von comanchemoon, 20.04.2008
Texassommer

Wenn ich an Isatai denke, höre ich dumpfen Trommelklang und der Duft von Sweetgrass schwebt in der Luft. Er steht vor mir, dunkle Augen sehen mich an und lange, schwarze Haare tanzen wellengleich im Präriewind.

„Nichts im Leben geschieht ohne Sinn!“ sagt er.

Dann nimmt er die Obsidianscheibe, die er an einer Lederschnur um den Hals trägt, und bricht sie entzwei. Die eine Hälfte behält er, die andere Hälfte hängt er mir um.

„Wir sehen uns wieder, irgendwann!“ sagt er und küsst mich auf die Stirn, wobei er sich bücken muss. Ich antworte nicht und Tränen werden zu heißen Bächen auf meiner Haut.

„Maggie Lee!“ höre ich meinen Vater rufen. „Komm endlich, der Flieger wartet nicht!“

Ein letztes Mal sehe ich Isatai an und weiß, ich werde ihn nie vergessen. Aber ich muss mit meinem Vater gehen, denn ich bin erst zwölf und Isatai ist vierzehn.



Ich habe Isatai nicht wieder gesehen. Die Zeit umhüllte die Erinnerung mit grauen Nebeln und machte Platz für einen neuen, bunten Lebensreigen. Aber manchmal reißen die Schleier, er steht wieder einsam da und sieht hinter mir her. „Nichts im Leben geschieht ohne Sinn!“ ruft er dann.

Viele Ereignisse später war wieder ein Sommer in Texas. Ich flog von Zürich nach Dallas und nahm mir einen Mietwagen in Fort Worth. Das diesjährige Familientreffen sollte bei meinem Bruder Billy stattfinden, der am Rande von Granbury wohnte. Das waren fast zwei Stunden Fahrt über breite, einsame Straßen, die rechts und links von teils grünem, teils verdorrtem Weideland gesäumt wurden. Unterbrochen wurde die unendliche Weite von niedrigen Felsformationen und Strommasten. Die Bäume waren nicht sehr hoch und erinnerten mehr an große Büsche. Das Frühjahr breitete hier immer eine sattgrüne Decke aus, die aber bald vor dem heißen Texassommer flüchten musste.

Ich durchquerte Granbury, eine hübsche kleine Stadt. Die Häuser waren überwiegend bunt und einstöckig. Jetzt in der Mittagshitze waren nicht viele Leute auf der Straße und sie wirkte wie ausgestorben. Als ich in den Weg zu Billys Haus einbog, wusste ich, dass man mich schon von Weitem sehen konnte, er war nämlich nicht geteert und rotgelber Staub wurde hinter meinem Wagen zu einem dichten Wirbel. Niedrige Büsche und Kakteen wuchsen vereinzelt aus dem Boden, und Grasbüschel ließen traurig ihre gelben Halme hängen.

Billys Heim war eines jener typischen Holzhäuser mit umlaufender Veranda. Er hatte es liebevoll blau und beige gestrichen und Bäume ringsherum angepflanzt. Die grüne Rasenfläche und einige Blumenrabatten zeugten von regelmäßiger Bewässerung. Als ich eintraf, beschäftigte er sich gerade mit der Dekoration für die Party. Er hatte mich schon kommen sehen, stieg von der Leiter und winkte so heftig,

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dass seine grüne Baseballkappe auf dem Kopf verrutschte und den Blick auf sehr wenig Haar freigab. Ich schmunzelte zwar, registrierte aber etwas wehmütig, dass also auch Billy bereits das Verfallsdatum überschritten hatte. Diese Empfindung wich allerdings schnell, als ich ächzend den Schutz der Klimaanlage verließ, aus dem roten Pontiac stieg und die Sonne mit weißglühenden Dolchen nach mir stach.

„Willkommen in Texas!“ Billy umarmte mich und lachte vergnügt. Wir hatten uns eine Ewigkeit nicht getroffen und nur an Feiertagen telefoniert. Es gab so viel zu berichten, wir hatten Jahre aufzuholen, dass wir fast die Partyvorbereitungen vergaßen.


Aber als sich schließlich der Tag mit rotem Leuchten verabschiedete und der Nacht das Land überließ, war alles perfekt gerichtet. Unzählige Onkel, Tanten, Cousinen, Cousins, Nichten und Neffen trafen ein. Es wurde erzählt, gescherzt, gelacht, Countrymusic gespielt und getanzt. Lagerfeuer flackerten, beleuchteten mal das eine, dann das andere Gesicht, und in der Luft waberte wie dichter Nebel der Duft des Barbecues.

Es war schon nach zehn, als noch ein Jeep ankam. Dolly Parton sang gerade von einsamen Cowboys, und im Schein der Feuer sah man zwei Texas Ranger aussteigen. Der eine war Cousin Danny Dean, der andere wurde von ihm als sein Freund Jimmy Ray Parker vorgestellt. Sie waren auf der Durchreise und sollten morgen einen Gefangenentransport in den Süden nach San Antonio begleiten.

Südstaatler lieben diese Doppelnamen, dachte ich. Jimmy Ray war über sechs Fuß groß und musste in meinem Alter sein. Sonne und Wind hatten ihre Monogramme in seinem braunen Gesicht mit den hohen Wangenknochen hinterlassen. Er war unverkennbar indianischer Abstammung, und ich fühlte ein Stechen in meiner Herzgegend. Vage zogen verschwommene Bilder aus Kindertagen durch mein Gedächtnis. Es war ein unbeschwerter Sommer gewesen mit Pferden, Sonne, Wind, Prärie und meinem Freund Isatai. Ich umklammerte die Amuletthälfte in meiner Jeanstasche und verdrängte diese lästigen Gedanken energisch.

„Howdy!“ sagte Jimmy Ray mit tiefer Stimme und sah mich an. Flammen ließen seine Augen leuchten und tauchten sein Gesicht in Gold.

Ich lachte, um nicht unrettbar in dieser gefährlichen Stimmung unterzugehen: „Habe ich lange nicht mehr gehört, dieses howdy!“

„Haben Sie es vermisst?“

„Ja, wirklich!“

Aus den Musikboxen ertönte „Remember the Alamo“.

„Waren Sie lange weg?“

Die Musik wechselte zu „Give my love to Rose“.


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„Eine Ewigkeit!“

Einen Wimpernschlag später tanzten Worte mit der Leichtigkeit von Schneeflocken hin und her. Wie eine Aura umgab uns eine seltsame Vertrautheit und ließ kleine Blitze zucken, wenn unsere Hände sich wie versehentlich berührten. Langsam entfernten wir uns von dem Trubel, dorthin, wo ein einsames Feuer brannte. Der Himmel war aus dunkelblauem Samt und faserige Wolkenfetzen umrahmten einen halben Mond. In der Ferne heulte ein Coyote und bald darauf antwortete ihm ein zweiter. Die Luft enthielt deutliche Anzeichen von Magie und raunte mir wehmütige Erinnerungen zu.

Das wollte ich nicht zulassen und griff in die Tasche meiner Jeans. Meine Hand schloss sich um die Obsidianscheibe, die sich langsam erwärmte. Beruhigungstherapie nannte ich das. Als ich die Hand wieder aus der Tasche nahm, blieb ich mit meinem Ring an der Lederschnur des Amulettes hängen und es wurde in hohem Bogen vor Jimmy Rays Füße geschleudert.

Er hob es auf und betrachtete es. Ein Holzscheit knisterte und Funken sprühten Fontänen in gelb und rot.

„Woher haben Sie das?“ Seine Stimme klang heiser.

„Von einem Freund, er hieß Isatai!“

„I still miss someone….“ sang Johnny Cash im Hintergrund.

„Isatai!“

„Ja, ein Name der Comanchen. Es hieß, er wäre ein Nachkomme des Häuptlings Quanah Parker!“

Ich stutzte.

„Parker!“ wiederholte ich.

„Nichts im Leben geschieht ohne Sinn!“ sagte er.

Wir standen uns ganz nah, die Blicke ineinander verwoben. Dann griff er mit einer Hand in seinen Hemdausschnitt und zog ein Lederhalsband hervor, an dem das Gegenstück zu meinem Amulett befestigt war.

„Ich sagte doch, wir sehen uns irgendwann wieder!“

Er nahm mich fest in seine Arme, und ich ließ es geschehen. Nichts anderes existierte mehr. Ich war endlich angekommen.










MM



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