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Thomas Friedrich Sänze - Wintermanöver - von ThomaFriedrichSaenze, 20.03.2018
Thomas Friedrich Sänze
Wintermanöver

"Es gibt Soldaten, die klagen, ohne zu leiden, andere leiden,
ohne zu klagen. Wir aber, wir leiden nicht. Wir klagen nicht.
Wir Kämpfen!"
( Weisheit an einer Kasernenwand )

"9. Kompanie raustreten!"
Der Schrei des Obergefreiten hallte durch den überfüllten Gang. Langsam drängten wir uns nach draußen. Dies war auf dem engen Raum kein einfaches unterfangen. Immer bemüht nicht von Ausrüstungsgegenstände erschlagen zu werden passierten wir die schmale Tür. Dort hatte Oberfeldwebel Scharf die undankbare Aufgabe jeden Einzelnen auf seine langen Unterhosen zu kontrollieren. In doppelter Ausführung wohlgemerkt, denn die Temperaturen waren zweistellig unter Null Grad.
Natürlich war das ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Nur ein Wahnsinniger oder ein Lebensmüder hätte die Unterkunft ohne lange Unterhosen verlassen. Jeder von uns, hatte alles angezogen, was an Klamotten im Spind zu finden war.
So gepolstert stellten wir uns dem gnadenlosen General Winter. Als wir Zugweise vor dem Gebäude antraten, schlug er auch schon ohne Erbarmen zu.
Schneidiger Wind drängte mit gnadenloser Härter auf uns ein. Die Kaserne lag im tiefsten Winter. Begraben unter meterhohen Schnee. Überall türmten sich Schneewehen auf. 30 Zentimeter lange Eiszapfen hingen von den Dächern herab. Das Thermometer hatte sich auf 20 Grad unter Null eingependelt und die ein Meter hohe Schneedecke über dem Truppenübungsplatz Daaden hatte sich über Nacht um ein paar weitere Zentimeter erweitert.
Mit anderen Worten,....
Es war optimales Wetter für ein Manöver!
In Anbetracht dessen, dass man uns mitten in der Nacht aus dem Bett geworfen und mit Stahlhelm, Gewehr und Marschgepäck in dieses erbärmliche Hundewetter gejagt hatte, benahmen wir uns eigentlich alle doch recht diszipliniert. Keiner von uns hegte mordlüsternde Gedanken welche er an den Ausbildern verwirklicht sehen wollte.
Wahrscheinlich fror die Kälte solche Ideen schon im Ansatz ein.
Also standen wir als Muster an soldatischer Zucht und Ordnung da und zitternd.
Oberfeldwebel Scharf begutachtet uns kritisch und war gar nicht zufrieden: „Zähneklappern einstellen! Ein deutscher Soldat zittert nicht vor Kälte, sondern nur aus Wut darüber, dass es nicht noch kälter ist!“
Wir sahen es ihm nach. Er war schon Jahre bei der Bundeswehr. Da blieb immer was zurück.
Während ich meinen Betrachtungen nachhing und verfluchte, dass in meinem Spind nicht noch mehr Klamotten zu finden gewesen waren um sie drüber zuziehen. Bemühte ich mich darum mehr von der weißen Strumhaube über mein Gesicht zu ziehen. Es misslang kläglich. Bevor ich weitere versuche in dieser Hinsicht starten konnte, stiefelte Hauptfeldwebel Schuster heran.
"Na, Männer. Alle in morgendlicher Frische versammelt." Schuster war ein eher lustiger Typ mit einem locker, lässigen Ton. Der aber sehr schnell umschlagen konnte, wenn man ihm auf die Füße trat. Er war genau wie wir, im allseits beliebten olivenen Kampfanzug gekleidet. Der dicke Parka verhüllte seine schmächtige Statur und er sah mehr wie ein Oberförster als ein Soldat aus. Mit knappen Worten schwafelte er nun davon was für ein Spaß uns am heutigen Tag erwarten würde. Es war das übliche Geschwätz. Im großen und ganzen konnte man es auf wenige Worte reduzieren: Frieren, Marschieren, Schießen, Weitermarschieren, weiter frieren, noch mehr frieren und noch viel mehr frieren. Habe ich frieren erwähnt?
Nach dem Vortrag hieß es dann abrücken. In einer langen Reihe marschierten wir zügig einer hinter dem anderen zum Kasernentor hinaus. Dieses blieb schon sehr bald hinter uns zurück. Der Straße folgend gelangten wir in einen verschneiten Tannenwald.
Es tat sich eine wunderschöne und geheimnisvolle Winterlandschaft vor uns auf. Die Welt war zu einem glitzernden und magischen Ort geworden.
Es herrschte Totenstille. Nur der Tritt unserer Stiefel störte die Ruhe des Waldes. Die ganze Szene hatte etwas unwirkliches an sich. Einen Kilometer nach dem anderen trotteten wir dahin. Trotz der Kälte begannen wir unter der Last des Gepäcks zu schwitzen.
Schließlich verließen wir den Wald und erreichten freieres Gelände. Das Gefühl ein unerwünschter Eindringling in dieser erstarrten Landschaft zu sein, verschwand mit den ersten Sonnenstrahlen.
Wir hoben die Köpfe und wandten unsere Gesichter zur aufgehenden Sonne, in der Illusion etwas Wärme zu erhaschen. Nur um gleich darauf die Augen vor dem grellen Licht abzuwenden. Schnee und Eis reflektierten die Sonnenstrahlen und machten sie so für uns zur unerträglichen Qual. Mit halb geschlossenen Augen und gesenkten Köpfen marschierten wir grimmig weiter.
Nach einiger Zeit wurde das Marschziel erreicht. Rechts von uns am Wegesrand erstreckte sich gänzlich unspektakuläres Gelände. Man sah lediglich die Waldschneiße welche zum Übungsgelände führte. Links daneben stand ein hölzernes Häuschen. Soldatisch korrekt legten wir unser Gepäck ordentlich hintereinander ab. Durch die Schneise gingen wir danach zum Eingang des Grabensystems. Mehrere
Laufgänge erstreckten sich in alle Richtungen und führten zu den Kampfständen der Marke "Luxusausführung".
Was soviel bedeutete wie das sie ein Wellblechdach besaßen.
Nachdem die Gräben von den größten Schneemassen befreit worden waren, versammelten wir uns wieder bei der zurückgelassenen Ausrüstung. Brav stellte sich jeder hinter seinen Rucksack. Wo man uns in je fünf Mann starke Gruppen aufteilte. Jede erhielt einen Führer.
Da ich die erste Reihe zierte, ereilte mich natürlich dieses Glück.
Ich hoffte meine Gruppe würde als erstes mit der Übung an die Reihe kommen. Je eher man dran war, desto schneller durfte man wieder zurück ins Warme.
Mein übliches Glück verließ mich auch in diesem Fall nicht.
Man plante uns als Vorletzte ein.
Während die anderen nun mit der Übung begannen lief der Rest von uns bibbernd hin und her. Manche versuchen sich mit den unmöglichsten Verrenkungen aufzuwärmen. Andere wiederum, liefen wie vom wilden Offizieren gebissen im Kreis und rauchen eine Zigarette, und noch eine, und noch eine .... solange bis die Schachtel leer und sie grün im Gesicht waren.
Allerdings versagten alle Methoden ziemlich jämmerlich. So froren wir dann auch.
Jämmerlich!
Schließlich wurde unsere Gruppe zur Sanitätsausbildung irgendwo in die Büsche geschickt. Dort durften wir dann zum großen Vergnügen der Kameraden die Verletzte simulierten, diese durch den Tiefschnee schleppen, wuchten oder was uns schon mehr Spaß machte ...schleifen.
Unter dem Gewicht der schwergewichtigen Herren, die obendrein noch von Lachkrämpfen geschüttelt werden, die ihnen natürlich vergingen so bald sie mit dem Gesicht voran im Schnee landeten, mussten wir uns dann noch die salbungsvollen Worte des ausbildenden Sanitäters anhören. Davon wurden uns zwar nicht warm, aber immerhin schlecht.
Nach weiteren Stunden zermürbenden Wartens folgt eine weitere Herausforderung. Mit Fernglas und Karte ausgerüstet sollten wir von der Straße aus die Entfernung zum nächsten Baum messen.
Hier waren wir also, kratzen uns unter den Stahlhelmen und versuchen die Formel für die Entfernungsberechnung aus unserem eingefrorenen Gehirnen hervorzuzaubern.
Wir wussten sie, ganz ehrlich!
Schließlich hatten wir sie lernen sollen. Abgesehen davon das bei einigen langsam die Zigarettenvorräte zu neige gingen, erreichten wir dann aber doch nichts. Nach langen Zögern brachen wir schließlich unserer sinnlose Aktion ab. Da sich meine Kameraden danach schnell unsichtbar machten hatte ich als Gruppenerster natürlich die alleinige Ehre es dem Stabsunteroffizier zu erklären.
„Warum ist die Karte auf der ihr die Entfernung eintragen solltet, denn nur so leer?“
„Naja, Herr Stabsunteroffizier, dafür gibt es eine völlig einfach und nachvollziehbare Erklärung.“
„Ich höre?“
„Wir waren zu blöd um es zu können!“ Von meiner Erklärung zeigte dieser sich natürlich nicht gerade ungeheuer begeistert.
Irgendwann wurde das Geschrei des Stabsunteroffiziers dann leiser und es wurde trotz des allgemeinen Eindrucks, dass selbst die Zeit festgefroren war, irgendwann Mittag. Jeder bekam einen Schlag von der heißen undefinierbaren Masse ab, welche die Bundeswehr als Essen bezeichnet. Auf unseren Rucksäcken im Schnee sitzend, verschlangen wir darauf den Inhalt der Essgeschirre mit atemberaubender Geschwindigkeit. Noch bevor er Gelegenheit hatte darin festzufrieren.
Nicht weniger Atemberaubend waren danach die Bemühungen ihn auch im Magen zu behalten.
Der Kübelwagen hatte zu unserer großen Freude auch eine mit Holz gefüllte Tonne herangeschafft. Nachdem in ihr endlich ein rauchendes Feuer entzündet war drängten wir uns bald alle darum. Leider fand ich abgesehen vom Erstickungstod wegen des beißenden Rauches nur sehr spärliche Wärme.
Schließlich kamen endlich wir an die Reihe.
Mit mir als Galionsfigur marschierte meine Gruppe bis zum Eingang des Hauptgrabens. Hauptfeldwebel Schuster erwartete uns bereits. Er überprüfte ob jeder von uns seinen Gehörschutz in den Ohren hatte. Dieser sollte verhindern, dass beim knallen der Waffen nicht das Trommelfell platzte.
Dann ging es endlich los. Schuster gab das Signal.
Eingeschärft dass es wie im Ernstfall aussehen sollte rannte ich als erster so schnell ich konnte ins Grabensystem hinein. Die anderen folgten.
Kampfstiefel, Schnee, Bundeswehr und zu niedrige Blechdächer verfluchend erreichte ich die erste Abzweigung. Ohne anzuhalten bog ich in den linken Laufgang ein. Als ich einen unbesetzten Kampfstand passierte zog ich den Kopf ein um ihn mir nicht am Dach einzuschlagen. Ich schaffte es!
Gerade so.
Als der Stahlhelm unter dem Dach entlang kratzte stellten sich mir die Nackenhärchen auf.
Nach einigen weiteren Schritten erreichte ich den MG-Stand und rasselte meine Meldung runter. Hauptgefreiter Hase nickte gnädig und winkte mich an die Waffe. Mit fliegenden Fingern hantierte ich am MG herum. Schließlich war ich soweit und Hase brüllte los: "Ziel zwölf Uhr! Ein Feuerstoß! Feuer!"
Ich zog den Abzug durch und die Waffe begann zu feuern. Als die Geschosse in die anvisierte Zielfigur einschlugen nahm ich den Finger vom Abzug. Gleich darauf brüllte der Hauptgefreite erneut sein Kommando und ich begann wieder zu feuern. Dieser Vorgang wiederholte sich insgesamt acht Mal hintereinander, solange bis der Munitionsgurt verschossen war.
Nach diesem heißen Zwischenspiel begann wieder das großen Zittern.
Während die ersten Gruppen bereits zur Kaserne zurückfuhren. Ins Warme hinein. Lag vor uns die undankbare Aufgabe ein Fernsprechgerät in Funktion zu setzen. Dafür, dass dieses Gerät bestimmt noch aus dem zweiten Weltkrieg stammte und es bestimmt bis nach Sibirien und wieder zurück geschafft hatte, war es noch ganz gut erhalten. Jedes Museum hätte sich bestimmt glücklich geschätzt es in seinem Besitz zu wissen.
Während zwei Kameraden ungefähr 30 Meter von uns entfernt hingebungsvoll in den Hörer lauschten und versuchten Verbindung miteinander aufzunehmen, riefen wir uns die Ergebnisse dieser Bemühungen über die beträchtliche Entfernung gegenseitig zu.
Auch diese Aufgabe wurde zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst. Der Stabsunteroffizier schrie diesmal kürzer.
Danach konnten wir uns nur noch ans Feuer stellen und auf die Nacht warten. Sie kam. Wie ein Raubtier verschlang die Dunkelheit uns alle.
Wir traten an. Es wurde zum Nachtschießen befohlen. Mit dem Gewehr machten wir uns alle auf den Weg in die Kampfstände. In der Dunkelheit sah ich zwar kein Ziel, ballerte aber trotzdem pflichtbewußt das Magazin meines Gewehrs leer.
Den Steuerzahler wird es freuen.
Nach der nächtlichen Feuerschlacht hatten wir dann als letzte Gruppe das große Vergnügen im Schein der funzlichen Taschenlampen die verschossenen Patronenhülsen aufzusammeln.
Diese mühselige Arbeit gab mir dann den Rest. Der gelungene Schlusspunkt eines Tag im Soldatenleben.
Am Ende dieses langen Tages besteige ich als letzter Mann die Ladefläche des Lkws und bin bloß froh das wir zurückfahren und Frieden in unserem Land herrscht, denn nur völlig Verrückte würden Krieg führen.
Vor allem bei solchem Wetter.
Zufrieden lehnte ich mich zurück und schloss die Augen. Das Brummen des Motors wirkte einschläfernd.
Endlich, ging der Tag zu Ende.


ENDE

Hinweis auf mein Werk: Fulcher von Fabeln - TOD IN ELBING ISBN: 9783737514521



©2018 by ThomaFriedrichSaenze. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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